Sanremo- Barcelona Tag 4-6

 

Tag 4 - Nein...doch...was?...orrrr

 

Aufgewacht. Wider Erwarten auch diese Nacht wieder gut geschlafen. Nach „Humus-Paprika“-Frühstück packen wir unsere Sachen und verlassen den Zeltplatz. Oben an der Straße trinken wir noch einen Kaffee. Wir werden mit der typisch mürrischen französischen Art bedient und an Freundlichkeit spart der Wirt deutlich. Unser heutiges erstes Zwischenziel ist St. Tropez. Wie auch vorher werden auf dem Weg dahin die Straßen immer voller. So geht es durch St. Maxime weiter in Richtung der Louis De Funes Stadt. Vor uns öffnet sich nach und nach St. Tropez. Erst relativ ruhig und dann mit einem Mal „Bäääm....Promenade, voll, Menschen, Autos, Jachten“, sprich, die komplette Reizüberflutung. In meiner Vorstellung war St. Tropez ein kleines verschlafenes Städtchen, in dem Gendarm Ludovic Cruchot gemütlich seinem Job nachgeht. Weit gefehlt. Hier ist es wieder, dieses ekelhafte Sehen und Gesehen werden. Neben dicken Jachten stehen Porsche und Co in Reih und Glied. Geimpft scheinen sie hier auch alle, hmmm. Wir schauen uns kurz den Hafen an und holen uns in einem kleinen Laden zwei Kaltgetränke. Etwas abseits vom Trubel setzen wir uns und gönnen uns eine schöne Mittagspause. Gesellschaft erhalten wir von einem Alki samt Hund und Radio, mit lauter französischer Musik. Super. Als er dann noch Gesellschaft von seinem Kumpel bekommt, machen wir uns wieder auf den Weg. Standesgemäß kommt uns beim Weg aus der Stadt noch die ein oder andere Nobelkarosse entgegen. Ich glaube auch wirklich, dass ich alle Autos aus Gran Turismo 5+6 in den letzten Tagen live gesehen habe.

 

Als wir die Stadt verlassen, wird es ruhiger und ländlicher. Es geht der Straße entlang hinauf durch kleine Dörfer und dann wieder hinunter. Wir folgen einem super ausgebautem Radweg und kommen sehr schnell und gut voran. Ab jetzt passieren wir immer wieder kleine Buchten mit wunderschönen Stränden und glasklarem türkisem Wasser. Es ist etwas abwechslungsreicher heute und das genießen wir sehr. Bei unserer Suche nach einem Zeltplatz entpuppt sich der, den wir zuerst ansteuern, als voll und so müssen wir noch ein paar extra Kilometer zum Nächsten machen. Der ist mit 49,- Euro recht teuer, aber wir haben keine Alternative in der Umgebung. Also was soll´s. Ansonsten hat der Zeltplatz alles, was wir benötigen. Sogar nette Nachbarn, die uns Strom geben zum Aufladen unserer elektronischen Geräte. Also schnell Zelt aufbauen und essen gehen. Hierbei verliere ich noch meinen Daumennagel (ich hatte mich zwei Monate vorher am Daumen verletzt), welcher mich schon die ganze Zeit genervt hatte, weil er sich gelöst hatte und ich immer hängen geblieben bin. Wir essen Pizza, trinken ein, zwei Bier und nehmen noch Nachschub mit für den Abend. Schließlich ist heute EM-Finale. England – Italien. Aber außer dem Personal des Campingplatzimbisses schauen nicht sehr viele. Und wenn, dann eher verhalten und allein. Wir drehen ein, zwei Runden über den Platz, um etwas von dem Spiel aufzuschnappen, aber irgendwie entsteht keine richtige Atmosphäre. Also gehen wir zu unseren Zelten und bekommen auf dem Weg dahin noch mit, dass inzwischen Elfmeterschießen ist. Ok, so steht der Sieger fest....England, Elfmeter....hat noch nie geklappt. Wir vernehmen noch den kurzen Jubel, als die Italiener den Sieges-Elfer verwandeln und dann schlafen wir ein. Italien...schon wieder....sch...


Tag 5 Wer sein Rad liebt, der schiebt

 

Morgenroutine. Humus & Paprika, Zelt und alles verstauen, Wasser auffüllen und los. Langsam sind wir eingespielt. Es ist ein entspannter Start in den Tag heute. Auf gut ausgebauten Radwegen kommen wir recht zügig voran. Die ersten Kilometer sind schnell gemacht. Auf dem Weg sehen wir immer wieder verlassene, gespenstisch wirkende Freizeitparks. Die Szenerie ist mitunter ziemlich bizarr und irgendwie sinnbildlich für die letzten 15 Monate. Wir fahren hinein nach Toulon, einer mittelgroßen französischen Stadt und stoppen für einen Snack und ein Kaltgetränk. Weiter geht es danach entlang der Promenade und parallel zur Küstenstraße entlang der Strände. Vor uns liegen heute noch zwei „Endgegner“, also zwei wirklich steile Berge, die es zu bezwingen gilt. Insgesamt zwar nur 1000 Höhenmeter, was zuhause nicht wirklich die große Nummer wäre, aber bei 35 Grad in der Sonne doch schon was anderes ist. Noch dazu mit den bepackten Rädern. Aber - wir wollen es ja so. Der erste Berg ist dann auch noch gar nicht so schlimm, jedoch entpuppt sich der zweite, kurz vor unserem Tagesziel Cassis, als echt fiese Nummer. Anfänglich noch verhalten, wirft uns dieser Berg schnell ab und zwingt uns dazu, zu schieben. Mir glüht der Kopf förmlich. Und während Mario sich wieder sportlich auf´s Rad schwingt und den letzten Kilometer des Berges zu radeln, entscheide ich mich für´s Schieben. Mir schießt das Wasser aus allen Poren und für mich ist es das erste Mal wirklich anstrengend. Das liegt aber an der Temperatur, welche mir persönlich einfach zu heiß ist. Nach diesem Kraftakt werden wir auf dem Gipfel vor Cassis jedoch mit einer grandiosen Aussicht belohnt.

Eingeschlossen von Bergen liegt diese malerische Kleinstadt mit ihren versteckten Buchten zu unseren Füßen im Tal. Die Abfahrt hinunter, mit teilweise 20% Gefälle, stellt auch eine echte Probe für unsere Bremsen dar. Unten angekommen schlängeln wir uns durch enge Gassen zum Kern der Stadt. Dieser ist wiederum sehr gut besucht und es sind auffällig viele junge Menschen da. Kurz eingekauft, ein Kaltgetränk und dann zum Zeltplatz. Was wir übersehen haben, ist, das vor diesem ein dritter Endgegner wartet. Und so geht es steil hinauf zu unserem Nachtquartier. Oben angekommen haben wir für heute genug von Bergen. Abendroutine. Zelt aufbauen, duschen und auf die Suche nach Essen machen stehen auf dem Plan. Ich muss das erste Mal mein Außenzelt übers Zelt ziehen, weil tatsächlich etwas Regen für die Nacht gemeldet ist. Mario tut es mir gleich. Wir essen vor Ort. Es ist kein gutes Essen, aber was soll´s, wir haben echt Kohldampf. Trinken wir halt dafür heute eine Bier mehr. Gesagt, getan, und so sitzen wir noch eine Ganze Weile, bis Mario ins Bett geht. Ich habe noch vier Euro einstecken und hole mir noch ein Bier. Gegenüber sitzen mir noch vier Schweizer, welche mich an ihren Tisch winken. Es entsteht eine sehr lustige Runde, und selbst Mario hatte sich entschlossen dann doch nochmal auf ein Getränk rum zu kommen. Fatal. Wir sitzen uns fest bis in die Früh um zwei, sehen jedoch im Vergleich zu dem einen oder anderen Schweizer noch recht gut aus. Reicht aber trotzdem. Kaum liege ich im Zelt, fängt auch schon der Regen an, auf jenes zu prasseln. Tja, der kluge Mann baut vor ;)

 


Tag 6 In meiner Badewanne bin ich Kapitän

 

Etwas später als geplant und mit leichtem Kater erwachen wir. Alles trocken geblieben. Lediglich Marios Rad ist vom Sturm umgefallen. Aber nix passiert, alles bestens. Morgens befinden sich alle im Aufbruch. Unsere Vermutung vom Vortag bestätigt sich. Cassis ist, mit seinen versteckten Buchten, zu einer echten Instragramer Hochburg verkommen. Was uns veranlasst, die Mühen um zu den Felsbuchten zu gelangen nicht auf uns zu nehmen. Keinen Bock auf die ganzen "Selfie-Kasper". Und so radeln wir aus Cassis raus, immer straff bergauf  entlang der Straße, durch einen Nationalpark. Links und rechts ragen Felsen empor und die Szenerie ist traumhaft schön. Einzig die vorbeifahrenden Autos nerven. Auch der Gegenwind ist heute nicht ganz ohne. So quälen wir uns mühsam den Berg hoch, Marseille entgegen. Oben angekommen werden wir wiederum für die ganzen Mühen entschädigt. Vor uns öffnet sich der Blick auf Marseille. Wahnsinn. Rechts schlängeln sich die Serpentinen talwärts, geradeaus liegt die Stadt mit ihren Hochhäusern und ihrer Promenade vor uns. Links grenzen die bergigen Ausläufer des Nationalparks an die Stadtgrenzen. Die Abfahrt mit ihren gefühlten tausend Kurven ist ein Traum.

Ich muss jedoch immer wieder mal stehen bleiben, um das ganze zu fotografieren. Außerdem bin ich „Bergabschisser“ und fahre deutlich langsamer als Mario. Und so ist es nicht verwunderlich, dass wir uns unten im Tal verlieren, weil ich falsch abbiege. Na klasse. Aber unsere Trennung ist nur von kurzer Dauer. Schnell finden wir uns wieder und radeln gemeinsam Richtung Strandpromenade. Noch ist wenig zu sehen von Marseilles „Ghettos“. Irgendwie haben wir uns beide die Stadt deutlich abgefuckter in unser Vorstellung ausgemalt. Die Promenade ist jedoch sehr schön. Wir fahren ein Stück den gut ausgebauten Küstenradweg, bevor wir in die Altstadt abbiegen, um uns was zu Essen zu suchen. Auch hier ist Marseille noch schön. Als wir dann jedoch nach unserem Stopp die Altstadt wieder verlassen und den Jachthafen hinter uns lassen, durchqueren wir es, dieses roughe, abgefuckte Marseille. Frankreichs Vorstädte sind schon ne Nummer für sich. Zum Glück sehen wir nur einen kleinen Teil davon. Das reicht auch. Die angrenzenden Dörfer sind allerdings nicht sonderlich besser. So geht es hinauf in bergiges Gelände, durchs Niemandsland. Die Abfahrt auf der anderen Seite führt uns durch unspektakuläre Dörfer wie Châteauneuf-les-Martigues. Wir durchqueren diese und steuern auf Martiques zu.

Dort habe ich für heute Nacht über Airbnb eine Unterkunft gebucht. Auf einem Boot. Wir erreichen die Stadt am frühen Abend und suchen „unser Boot“. Gar nicht so einfach. Hier liegen ungefähr 300 davon vor Anker. Aber mittels Maps und Hilfe des Besitzers, welcher leider nicht vor Ort sein kann, finden wir es dann. Unglaublich. Wir pennen auf einem kleinen Boot vor einer traumhaften Kulisse aus kleinen bunten Häusern. Wir laden die Räder auf´s Boot und schließen sie aneinander. Dann machen wir uns frisch und gehen auf die „Jagd“ nach Essen. Es tut gut, mal kein Zelt aufbauen zu müssen. Mario isst seine lang ersehnten Muscheln mit Spaghetti. Ich hole mir eine vegane Alternative vom Inder und esse diese auf dem Boot. Martiques, mit seinen verwinkelten Gässchen und den Kanälen, ist ein echt hübsches Städtchen. Später am Abend starten wir nochmal, um einkaufen zu gehen und stellen dabei fest, dass auf dem Markt eine Veranstaltung ist. Krass, der ganze Markt ist voller Menschen, die tanzen. Lebensfreude pur liegt in der Luft. Ist ja klar, dass wir nach dem Einkaufen nochmal dorthin zurück gehen. Wir sitzen bis spät in die Nacht dort und beobachten das Treiben. Zufrieden schlendern wir zurück zum Boot. Bei einer Flasche Wein genießen wir den abendlich Flair auf dem Boot. Was für ein schöner Ort.